Gleich zu Anfang eine provokante Frage:

Was kann ein Welpe, der nichts von der Welt weiß, von einem anderen Welpen, der auch nichts von der Welt weiß, lernen?

 

Vorab möchte ich betonen, dass meine Sichtweise nicht die alleingültige Wahrheit ist. Es ist jedoch das, was ich in 20 Jahren als Hundetrainerin durch regelmäßige Fortbildungen, aber vor allem durch genaues Beobachten von Hunden und ihren Reaktionen weiterentwickelt habe:

 

Bis ins Jahr 2016 habe ich in meiner Hundeschule Spielgruppen für Welpen und auch Spielgruppen für erwachsene Hunde angeboten. Damals erschien mir das gut und richtig und es ist in vielen anderen Hundeschulen auch heute noch gängige Praxis.

 

Doch mit der Zeit veränderte sich, durch eigene Erfahrungen und fachliche Fortbildungen, mein Blickwinkel darauf und damit auch meine Einstellung zum sogenannten „Spiel“ von Hunden miteinander:

 

  • Ich konnte vermehrt Stress bei den angeblich „schön“ spielenden Hunden erkennen.

 

  • Echte Kommunikation unter den Hunden war kaum oder nur dann zu sehen, wenn sich maximal ZWEI Hunde miteinander beschäftigten.

(Das Phänomen kennen wir auch unter Menschen: Wenn Zwei sich intensiv in einem wichtigen Gespräch unterhalten und es kommt ein Dritter dazu, dann verändert sich ALLES.)

 

  • Weiter konnte ich immer mehr feststellen, dass Hunde vom Spiel mit anderen Hunden nicht etwa „satt“ wurden, sondern ganz im Gegenteil: Sie wurden SÜCHTIG danach. (Dies hängt mit einem unguten Hormoncocktail zusammen, der bei Hunden ausgeschüttet wird, die unkontrolliert über längere Zeit, also mehr als 2 oder 3 Minuten, rennen und toben.)

 

  • Besitzer berichteten immer wieder, dass Ihre Hunde regelrecht ausflippten, wenn sie beim Spaziergang auf andere Hunde trafen, was sich in der Pubertät dann häufig zu einer „hübschen“ Leinenaggression entwickelte. Es ist also GENAU DAS passiert, was eigentlich durch viiiiel Kontakt mit anderen Hunden vermieden werden sollte. Das macht doch nachdenklich, oder?

 

  • Am meisten die Augen geöffnet hat mir jedoch meine Tageshündin Jacey. Wenn sie in den Spielgruppen mit dabei war, wurde jedes WILDE Spiel, bei dem Rennen und Toben im Vordergrund stand, von Jacey unterbrochen. Ruhiges, stationäres Spiel, bei dem hauptsächlich Pfoten und Maul eingesetzt wurden, ließ sie jedoch zu.

 

Während einer Fortbildung, bei meiner geschätzten Kollegin Anita Balser, erfuhr ich dann, dass Anita solche Hunde wie Jacey „in lustig“ als „Fräulein Rottenmeier“ bezeichnet. Und dass diese Hunde in Hundegruppen ein hohes Ansehen unter den Hunden genießen, weil sie für Ruhe und Stabilität sorgen.

 

 

Inzwischen habe ich mich daher dazu entschlossen, keine typischen Welpenspielgruppen mehr anzubieten. Allerdings führe ich bei Bedarf passende Welpen gezielt zusammen und kann den Menschen dann auch zeigen, wann sie eingreifen müssen.

 

 

 

Fazit:

Was ein Welpe in den ersten drei Wochen im neuen Zuhause WIRKLICH braucht, ist SEIN Mensch, der ihn nun bis ans Lebensende begleiten wird. Nach dieser Zeit trägt auch die Begegnung mit souveränen, ruhigen, älteren Hunden zur Stabilisation des Sozialverhaltens bei. Denn diese lassen genau das wilde Rennen und Toben keineswegs zu. Dabei lernen Welpen und Junghunde, dass man sich ruhig und gesittet verhält, wenn man einem Artgenossen begegnet.

 

UND DAS IST ES DOCH SCHLIESSLICH, WAS WIR ALLE WOLLEN!!!

 

 

 

 

 

Häufig gestellte Fragen:

 

Müssen Welpen nach der Abgabe weiter sozialisiert werden?

Wenn ein Welpe mit seinen Geschwistern und seiner Mutter aufgewachsen ist, dann ist die Sozialisation ca. mit der 8. Woche abgeschlossen. Er hat dann alle kommunikativen Dinge von seinen Geschwistern und seiner Mutter gelernt und ist bestens gerüstet, auch mit anderen Hunden kommunizieren zu können. Nur ein Welpe, der ohne Geschwister oder ohne Mutter von Hand aufgezogen wurde, weist hier Defizite auf.

 

Müssen Welpen toben und rennen?

Ja, sie müssen auch mal rennen und toben. Aber nicht unbedingt mit ihnen erstmal fremden und eventuell sogar immer neuen Hunden. Das Beste, was man einem Welpen bieten kann, ist erstmal das gemeinsame Spiel mit seinem neuen Sozialpartner dem Menschen und da ist dann natürlich auch mal toben und rennen okay.

 

Darf der Welpe denn dann gar keinen Kontakt zu anderen Hunden haben?

Doch, das darf er schon! Aber wenn er zu seinem Menschen kommt, ist es ERSTMAL (in den ersten ca. 3 Wochen) wichtig, dass er versteht, dass die Person, die ihn den Rest seines Lebens begleiten wird (und das ist nun mal ein Mensch und kein Hund), dass also diese Person Sicherheit bietet, verlässlich ist, ihm die Welt zeigt und ihm möglichst wenige Entscheidungen überlässt. Und letzteres nicht aus „Ich bin der Schäff-Gründen“, sondern einfach weil der Welpe noch jung und dumm ist und seinen Menschen unbedingt braucht!

 

Brauchen Hunde andere Hunde?

Diese Frage kann am besten mit „Es kommt drauf an“ beantwortet werden:

  • Wenn im neuen Zuhause schon Hunde wohnen, reicht das als Artgenossenkontakt meist aus

  • Wird der Hund als Einzelhund gehalten, wäre es schon toll, wenn er einen passenden Hundekumpel hätte, den er ein- oder zweimal in der Woche trifft. Und das kann durchaus auch immer derselbe Hundekumpel sein.

  • Kein Hundekontakt ist allerdings besser als ein unpassender Hundekontakt

  • Was Hunde auf gar keinen Fall brauchen, ist jeden Artgenossen unterwegs beim Spaziergang zu begrüßen und dann mit ihm zu „spielen“.

 

Woran erkenne ich, dass ein Spiel meinem Hund gut tut?

Gute, passende Spiele sind geprägt von sehr viel (mindestens 80 Prozent) stationärem Spiel. Das bedeutet die Hunde spielen im Stehen oder Liegen an einer Stelle, setzen dabei Pfoten und Maul ein, machen Spielpausen, gehen zusammen schnüffeln und in ganz kurzen Sequenzen (maximal 1 – 2 Minuten am Stück) wird auch mal gerannt.

 

Woran erkenne ich, dass ein Spiel meinem Hund NICHT gut tut und wann sollte ich es gar nicht erst zulassen, bzw. wann sollte ich unterbrechen oder beenden?

  • Wenn er schon, eventuell fiepend und bellend, auf den Hinterbeinen steht, um den Artgenossen zu begrüßen => Spiel gar nicht erst zulassen

  • Wenn ein Hund den anderen grob umrennt => unterbrechen, evtl. beenden

  • Wenn länger als 1 – 2 Minuten gerannt und getobt wird => unterbrechen

  • Wenn ein Hund zu seinem Besitzer geht => unterbrechen (beim Besitzer muss der Hund immer Schutz bekommen – der andere Hund wird also weggeschickt)

  • Wenn beide Hunde beim Spielen auf die Hinterbeine gehen und sich dabei anspringen =>beenden

 

Natürlich gibt es noch viel mehr Anzeichen, bei denen der „Spiel“-Kontakt unterbrochen oder beendet werden sollte. Diese können jedoch hier nicht alle aufgezählt werden. Am Gruppentrainings-Tag können auch Artgenossenkontakte (von mir zusammengestellt) ermöglicht werden, bei denen ich zeigen kann, worauf zu achten ist.

 

Das „Welpenspiel“ oder besser gesagt das „Nicht – einfach – spielen – lassen“ ist mir eine echte Herzensangelegenheit geworden. Ich hoffe, ich konnte meine Sicht der Dinge darlegen und habe den ein oder anderen Leser zum Nach- und vielleicht auch zum Umdenken gebracht


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